3.1.5 Potenzielle Natürliche Vegetation

Unter der „Potenziellen Natürlichen Vegetation“ (PNV) versteht man diejenige Vegetation, die sich unter den gegenwärtigen Umweltbedingungen ausbilden würde, wenn der Mensch überhaupt nicht mehr eingreifen würde und die Vegetation Zeit fände, sich bis zu ihrem Klimaxstadium zu entwickeln. Im Gegensatz zur natürlichen Vegetation, die existieren würde, wenn der Mensch niemals eingegriffen hätte, berücksichtigt die Potenzielle Natürliche Vegetation zeitlich und anthropogen bedingte Veränderungen von Standort- und Artenpotenzial.

Mit dem Modell der PNV ist es im Naturschutz möglich:

  • den Grad der menschlichen Einflussnahme auf zur Zeit bestehenden Vegetationseinheiten abzuschätzen (Vergleich realer mit Potenzieller Natürlicher Vegetation);
  • im Wald standortheimische von standortfremder Bestockung zu trennen und letztere durch gezielte Bewirtschaftung in Richtung der Potenziellen Natürlichen Vegetation zu entwickeln (diese stellt im Wald in der Regel die derzeit „natürlichste“ Bestockung dar; die zugehörigen Ökosysteme sind relativ am „stabilsten“, da sie der Klimax nahe kommen);
  • im Rahmen der Biotopentwicklung (Pflege) und -neuschaffung sinnvolle Ziele zu definieren und geeignete Maßnahmen einzuleiten. So sollten bei Neuschaffungen möglichst Lebensraumtypen verwirklicht werden, die der PNV bzw. naturnahen Ersatzgesellschaften des jeweiligen Gebietes entsprechen. Pflegemaßnahmen sind in der Regel so zu konzipieren, dass diese naturnahen Ersatzgesellschaften erhalten bleiben (z.B. Mahd von Streuwiesen)“ (gem. Ellenberg 1982, Trautmann 1966, Tüxen 1956 zit. im ABSP Bayern).

Bayernweit und auf kleiner Maßstabsebene stellt die von Seibert (1965/66) erarbeitete Karte der Potenziellen Natürlichen Vegetation im Maßstab 1: 500.000 – auch wenn sie nicht mehr den neuesten Erkenntnissen entspricht - immer noch die einzige flächendeckende Information dar. Sie wird deshalb im folgenden herangezogen, um die Standorteinheiten der Region Main-Rhön kurz zu charakterisieren und damit einen groben Überblick über die potenziell möglichen Klimaxvegetationstypen zu geben.

Abbildung 3.4 wurde ebenfalls auf der Basis der o.g. Karte von Seibert (1965/66) erstellt.

Abbildung 3.4:     Potenzielle Natürliche Vegetation (nach SEIBERT 1965/66)

Tabelle 3.1: Potenzielle natürliche Vegetation

Potenzielle Natürliche Vegetation

Räumliche Verbreitung

Osthessisches Bergland: Vorder- und Kuppenrhön, Hohe Rhön

Tal-, Auenbereiche

Schwarzerlen-Ufer-Auwald (Stellario-Alnetum)

in den Tälern, z.B. Tal der Sinn, Kleinen Sinn, Döllau und des Brendoberlaufs

Mittlere und höhere Lagen

Hainsimsen-Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald

(Galio-Carpinetum luzuletosum)

tritt in einem kleinen Teil im Norden des Naturraums auf Löss und Fließerden auf

Hainsimsen-Buchenwald (Luzulo-Fagetum)

überwiegende Einheit in der Vorder- und Kuppenrhön sowie in den unteren Lagen der Hohen Rhön

auf Sand bis lehmigem Sand des Buntsandsteins, saure Böden

Reiner Platterbsen-Buchenwald (Lathyro-Fagetum typicum) mit Orchideen-Buchenwald (Carici-Fagetum)

nur in sehr kleinem Teil im Nordosten des Naturraumes

bevorzugt auf flachgründigen, kalkreichen Böden des Muschelkalkgebiets; wird vom Orchideen-Buchenwald abgelöst, wenn diese Standorteigenschaften extremer werden: steinig, trocken, Steillagen

Bergland

Perlgras-Buchenwald (Melico-Fagetum)

bildet die Potenzielle Natürliche Vegetation am Hang der aufsteigenden Rhön sowie in den Schwarzen Bergen

unterhalb der Basaltüberdeckung auf Basalt-, Buntsandstein- oder Muschelkalkverwitterungsböden

Zahnwurz-Buchenwald (Cardamino bulbiferae-Fagetum)

auf den Hochflächen der Hohen Rhön (über 600 m üNN)

auf Lehm über Basalt

Hochmoor (Spagnion fusci) und Kiefernmoore (Vaccinio uliginosi-Mugetum und Vaccinio uliginosi-Pinetum sylvestris) mit Schlenken- und Zwischenmoor-Gesellschaften (Rhynchospotion albae und Eriophorion gracilis)

in feuchten Mulden der Rhönhochfläche

Südrhön

Tal-, Auenbereiche

Schwarzerlen-Ufer-Auwald (Stellario-Alnetum)

fast alle Täler der größeren Bäche und Flüsse, wie Fränkische Saale, Thulba, Schondra, Brend

Mittlere und höhere Lagen

Buchen-Traubeneichenwald (Luzulo-Quercetum)

sehr kleiner Bereich an den Hängen des Saaletales auf sandigen, saueren Böden (nicht dargestellt)

Hainsimsen-Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum luzuletosum)

im Osten und Süden des Naturraumes auf sauren Böden des Buntsandsteins

Reiner Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum typicum)

Teilbereiche im Osten und Süden des Naturraumes auf gut basenversorgten Lehmen des Muschelkalkes

Hainsimsen-Buchenwald (Luzulo-Fagetum), Hügelland-Form

nimmt fast gesamte Nordwesthälfte des Naturraumes ein

auf Sand bis lehmigem Sand des Buntsandsteins, saure Böden

Mainfränkische Platten: Gäuplatten im Maindreieck, Wern-Lauer-Platten, Schweinfurter Becken, Steigerwaldvorland, Grabfeldgau, Hesselbacher Waldland

Tal-, Auenbereiche

Eschen-Ulmen-Auwald (Querco-Ulmetum minoris)

Maintal

Erlen-Eschen-Auwald (Pruno-Fraxinetum) mit Fichten-Erlen-Auwald (Circaeo-Alnetum glutinosae)

alle Talräume größerer Gewässer wie Wern, Lauer und Fränkische Saale mit ihren Zuflüssen sowie Talmulden, z.T. mit Niedermoor im Steigerwaldvorland

Gäulagen

Sternmieren-Eichen-Hainbuchenwald (Stellarion-Carpinetum)

in den Flugsandgebieten südlich Schweinfurt und südlich des Maintales im Steigerwaldvorland

Hainsimsen-Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum luzuletosum), Nordbayern-Rasse

weit verbreitet im nördlichen und südlichen Teil des Grabfeldgaus auf sandigem bis schluffigem oder tonigem Lehm über Keupersandstein

Reiner Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum typicum)

bevorzugt gut basenversorgte Lehme vor allem des Muschelkalks und Keupers

Hainsimsen-Buchenwald (Luzulo-Fagetum), Rasse der Sandsteingebiete

beschränkt auf einige kleinere Gebiete am Südrand des nördlichen Grabfeldgaus und am Ostrand des mittleren Grabfeldgaus auf Keupersandstein

Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum), kontinentale Rasse ohne Buche

Steigerwaldvorland im Bereich Grettstadt und im Nordosten des Grabfeldgaus

Standort beschränkt z.B. durch kontinental geprägtes Klima mit Sommertrockenheit oder schwere Tonböden

Winterlinden-Traubeneichenwald (Luzulo-Quercetum, subkontinentale Rasse)

beschränkt auf kleinere Gebiete im Nordosten des Grabfeldgaus auf Keupersandstein und im südlichen Steigerwaldvorland auf Flugsand

Hügellandbereiche

Steppenwaldreben-Eichenwald (Clematido-Quercetum) mit Geißklee-Kiefernwald (Stellarion-Carpinetum)

kleinräumig an südexponierten Hängen des Maintales zwischen Schweinfurt und Hassfurt und den ostexponierten Maintalhängen im südlichen Schweinfurter Becken und Mittleren Maintal im Süden der Region

Reiner Platterbsen-Buchenwald (Lathyro-Fagetum typicum) mit Orchideen-Buchenwald (Carici-Fagetum)

bevorzugt auf flachgründigen, kalkreichen Böden des Muschelkalkgebietes; wird vom Orchideen-Buchenwald abgelöst, wenn diese Standorteigenschaften extremer werden: steinig, trocken, Steillagen

Perlgras-Buchenwald (Melico-Fagetum), Franken-Rasse

auf tiefgründigen Lehmböden mittlerer Basensättigung

diese Vegetationseinheiten treten gemeinsam und oft in engem Wechsel auf und nehmen den größten Teil der Wern-Lauer-Platten, fast das gesamte Hesselbacher Waldland und den Westrand des Grabfeldgaus ein

Keuper-Lias-Land: Steigerwald, Haßberge, Itz-Baunach Hügelland

Auenbereiche

Erlen-Eschen-Auwald (Pruno-Fraxinetum) mit Fichten-Erlen-Auwald (Circaeo-Alnetum glutinosae)

Itztal im Osten der Region

Schwarzerlen-Ufer-Auwald (Stellario-Alnetum)

Tal der Baunach

Hügellagen des Steigerwaldes, der Haßberge und des Itz-Baunach-Hügellandes
Hainsimsen-Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum luzuletosum) weite Teile des Sandsteinkeupersauf sandigen bis schluffigen oder tonigen Lehmböden
Hainsimsen-Buchenwald (Luzulo-Fagetum), Hügelland-Form großer Flächenanteil auf Sandsteinkeuperauf Sand bis lehmigem Sand

Höhere Lagen

Reiner Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum typicum)

Bergkuppen aus Lias mit Oberem Keuper und Feuerletten, die aus dem Sandsteinkeuper herausragen

außerdem auf Gipskeuper

Perlgras-Buchenwald (Melico-Fagetum), Franken-Rasse

Höhere Lagen (um 500 m üNN); in Haßbergen im Nordwesten auf Burgsandstein oder Oberem Keuper,

im Steigerwald auf Gipskeuper



 

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